Wer macht wen krank?

Wer macht wen krank?

Oft ist die Behauptung zu hören: Honigbienen machen Wildbienen krank. Doch aktuelle Studien zeichnen ein weit komplexeres Bild. Krankheitserreger kennen keine Einbahnstraße. Und der Nachweis eines Erregers bedeutet noch lange nicht, dass eine Biene an ihm erkrankt.

Wo verschiedene Bestäuber dieselben Blüten nutzen, können auch Viren weitergegeben werden. Daraus entstand eine eingängige Erzählung: Honigbienen hinterlassen Erreger auf den Blüten und machen so Wildbienen krank. So einfach ist es aber nicht. Das zeigt eine neue Studie aus dem Forschungsprojekt ComBee.

Überraschung bei einem gefährlichen Virus

Forschende der Universitäten Göttingen und Halle-Wittenberg untersuchten die Verbreitung dreier Bienenviren in Bestäubergemeinschaften (Pluta et al. 2026). Sie wollten wissen, welche Art für die Verbreitung eines bestimmten Erregers besonders wichtig sein könnte. Das Ergebnis: Es kommt auf das Virus an. Beim Flügeldeformationsvirus DWV-B und beim Schwarze-Königinnenzellen-Virus (BQCV) spielte die Honigbiene an den untersuchten Standorten eine zentrale Rolle. Beim Akute-Bienenparalyse-Virus (ABPV) identifizierten die Forschenden dagegen die Steinhummel Bombus lapidarius als wichtigsten Schlüsselwirt. Dieses Virus kann Honigbienen schwer schädigen.

Je nach Virus können unterschiedliche Bienenarten Schlüsselwirte sein. Die Dynamik von Krankheitserregern in Bestäubergemeinschaften ist keine Einbahnstraße.

Nachgewiesen heißt nicht erkrankt

In der Debatte geht zudem oft ein weiterer Punkt unter: Moderne molekularbiologische Verfahren finden selbst geringe Erregermengen. Doch ein positiver Befund sagt zunächst nur, dass Erbgut des Erregers nachgewiesen wurde. Er beantwortet nicht automatisch die entscheidenden Fragen: Vermehrt sich der Erreger in dieser Bienenart? Und wird das Tier oder gar die Population geschädigt?

Wie wichtig diese Unterscheidung ist, zeigte eine Studie am Beispiel des Mikrosporidiums Nosema ceranae (Gisder et al. 2020). Der vor allem von Honigbienen bekannte Darmparasit war zuvor auch in Hummeln nachgewiesen worden. Die Forschenden fütterten Erdhummeln gezielt mit lebensfähigen Nosema-Sporen. Sie fanden keine Hinweise darauf, dass sich der Erreger in den Hummeln vermehren konnte. Auch wenn eine spätere Studie zu einem anderen Ergebnis kam (Camenzind et al. 2025), bleibt die Kernbotschaft bestehen:

Der bloße molekulare Nachweis eines Erregers bedeutet nicht automatisch, dass sich dieser im Tier auch vermehrt oder diesem schadet.

Viren gefunden – Schäden nicht

Genau diese Unterscheidung ist auch für eine aktuelle Feldstudie an der Gehörnten Mauerbiene Osmia cornuta wichtig. Forschende untersuchten nistende Weibchen an sieben Standorten in der Nordostschweiz. Dabei unterschieden sie zwischen Viren, die vor allem mit Honigbienen in Verbindung gebracht werden, und Viren, die vor allem von Mauerbienen her bekannt sind (Maurer et al. 2026).

Die honigbienenassoziierten Viren BQCV und DWV-B ließen sich in den Mauerbienen nachweisen. Einen statistisch nachweisbaren Einfluss auf die Fitness der Mauerbienen fanden die Forschenden jedoch nicht. Weder Sammelverhalten noch Geschlechterverhältnis, Überlebensrate oder Körpermasse der Nachkommen standen mit diesen Viren in einem negativen Zusammenhang.

Anders bei zwei Viren der Mauerbienen-Population: Hohe Lasten des Scaldis River bee virus führten zu einem geringeren Überleben der Nachkommen. Hohe Lasten des Ganda bee virus gingen mit einer geringeren Körpermasse männlicher Nachkommen einher. Der Befund unterstreicht ebenfalls:

Wildbienen erkranken nicht zwangsläufig an Viren, die mit Honigbienen assoziiert sind.

Auf Virus, Wirt und Übertragungsweg kommt es an

Die Folgen einer Infektion hängen zudem stark vom Erreger, den Umweltbedingungen und dem Infektionsweg ab. So verkürzt beispielsweise das Langsame-Bienenparalyse-Virus die Lebensdauer von Hummeln nur, wenn diese zusätzlich Nahrungsstress ausgesetzt sind (Manley et al. 2017).

In einer weiteren Studie senkte zwar die direkte Injektion, nicht jedoch eine orale Aufnahme des DWV-A die Lebensdauer von Hummeln (Streicher et al. 2023). Drei Honigbienen-Viren – ob injiziert oder über die Nahrung aufgenommen – wirkten sich kaum auf die Sterblichkeit von Erdhummeln aus (Tehel et al. 2020).

Keine simple Schuldzuweisung

Durch Blütenbesuche können also Erreger zwischen Bestäubern übertragen werden. Die pauschale Behauptung, Honigbienen seien deshalb grundsätzlich ein Gesundheitsrisiko für Wildbienen, wird durch die aktuelle Studienlage jedoch nicht gedeckt. Sie gibt keinen Anlass, Honig- und Wildbienen pauschal gegeneinander auszuspielen.

Imkerinnen und Imker stehen in der Verantwortung, ihre Bienenvölker gesund zu halten. Dabei ist ein konsequentes Varroa-Management unverzichtbar, da die Milbe eine wichtige Rolle für die Dynamik einiger Honigbienenviren spielt. Alle anderen Akteure stehen in der Verantwortung, die Diskussion um Wild- und Honigbienen auf einer sachlichen Ebene zu führen.

Referenzen

Camenzind, D. W.; Bruckner, S.; Neumann, P.; Van Oystaeyen, A.; Strobl, V.; Williams, G. R.; Straub, L. (2025). Microsporidian parasite impairs colony fitness in bumblebees. Open Biology 15, 240304. DOI: 10.1098/rsob.240304.

Gisder, S.; Horchler, L.; Pieper, F.; Schüler, V.; Šima, P.; Genersch, E. (2020). Rapid Gastrointestinal Passage May Protect Bombus terrestris from Becoming a True Host for Nosema ceranae. Applied and Environmental Microbiology 86, e00629-20. DOI: 10.1128/AEM.00629-20.

Manley, R;· Boots, M.;· Wilfert, L. (2017). Condition-dependent virulence of slow bee paralysis virus in Bombus terrestris: are the impacts of honeybee viruses in wild pollinators underestimated? Oecologia 184, 305–315. doi:10.1007/s00442-017-3851-2.

Maurer, C.; Yañez, O.; Schauer, A.; Neumann, P.; Vanbergen, A. J.; Schweiger, O.; Paxton, R. J.; Szentgyörgyi, H.; Pellissier, L.; Albrecht, M. (2026). Resident viruses, but not honeybee-associated viruses, impair solitary bee fitness in the field. Proceedings of the Royal Society B 293, 20251940. DOI: 10.1098/rspb.2025.1940.

Pluta, P.; Hass, A. L.; Czechofsky, K.; Westphal, C.; Paxton, R. J. (2026). Multiple Key Hosts and Network Structure Shape Viral Prevalence Across Multispecies Communities of Bees. Ecology Letters 29, e70327. DOI: 10.1111/ele.70327.

Streicher, T.; Tehel, A.; Tragust, S.; Paxton, R. J. (2023). Experimental viral spillover can harm Bombus terrestris workers under field conditions. Ecological Entomology 48, 81–89. DOI: 10.1111/een.13203.

Tehel, A.; Streicher, T.; Tragust, S.; Paxton, R. J. (2020). Experimental infection of bumblebees with honeybee-associated viruses: no direct fitness costs but potential future threats to novel wild bee hosts. Royal Society Open Science 7, 200480. DOI: 10.1098/rsos.200480.