Neue Forschung zeigt: Honigbienen erkennen Mengen offenbar nicht nur nach Augenmaß. Vielmehr besitzen sie einen echten Zahlensinn.
Wer seine Bienen am Flugloch beobachtet, ahnt kaum, was in ihren winzigen Köpfen vorgeht. Die Tiere finden zuverlässig Futterquellen, merken sich lange Wege und verständigen sich mit ihren Stockgenossinnen. Doch offenbar können Honigbienen noch mehr. Forschende haben jetzt neue Hinweise darauf gefunden, dass Bienen Mengen unterscheiden können.
Zweifel in der Wissenschaft
Die entscheidende Frage lautete: Erkennen Bienen tatsächlich, wie viele Objekte sie sehen – oder reagieren sie nur auf auffällige Bilder? Genau darum dreht sich eine Studie, die in der Fachzeitschrift Proceedings of the Royal Society B veröffentlicht wurde. Dr. Mirko Zannon überprüfte gemeinsam mit seinen Kolleginnen und Kollegen noch einmal frühere Experimente. Kritiker hatten eingewandt, dass Bienen gar nicht zählten, sondern sich lediglich an optischen Merkmalen orientierten, wie größeren Flächen, dichteren Muster oder stärkeren Kontrasten. Die neue Analyse kommt jedoch zu dem Ergebnis, dass Honigbienen tatsächlich auf die Anzahl der Elemente achten. Sie scheinen Mengen also unabhängig von anderen Bildmerkmalen wahrnehmen zu können.
Bienen haben einen Zahlensinn
Wichtig ist dabei: Niemand behauptet, dass Bienen rechnen wie Menschen. Sie zählen keine Zahlenreihen auf und lösen keine mathematischen Formeln. Forschende sprechen vielmehr von einem „Zahlensinn“. Damit ist die Fähigkeit gemeint, Unterschiede zwischen Mengen wahrzunehmen – also zu erkennen, ob irgendwo mehr oder weniger Objekte vorhanden sind.
Dies kann bei der Orientierung eine wichtige Rolle spielen. Frühere Versuche zeigten bereits, dass sich Bienen während des Fluges an Landmarken orientieren. Dabei könnten sie auch die Anzahl bestimmter Orientierungspunkte berücksichtigen.
Plus und minus
Es gibt jedoch auch interessante Hinweise darauf, dass Bienen einfache, dem Zählen ähnliche Vorgänge ausführen können. In einer Studie aus dem Jahr 2019 lernten Honigbienen Regeln nach dem Prinzip „plus eins“ oder „minus eins“. Die Farbe eines gezeigten Musters bestimmte dabei die genaue Aufgabe: Blau bedeutete „eins dazurechnen“, Gelb „eins abziehen“. Sah eine Biene beispielsweise zwei blaue Formen, musste sie anschließend die Abbildung mit drei Formen auswählen, um eine Belohnung zu erhalten. Die Tiere konnten diese Regeln später sogar auf neue Formen übertragen, die sie zuvor nie gesehen hatten.
Bienen können nur grob sehen
Ein zentraler Punkt der aktuellen Studie betrifft das Sehvermögen der Bienen. Frühere Kritiker hatten argumentiert, die Tiere würden lediglich feine Muster in Bildern erkennen. Die neuen Berechnungen zeigen, dass viele der feinen Muster, auf die sich frühere Kritik stützte, außerhalb des Wahrnehmungsbereichs des Bienenauges liegen. Honigbienen sehen deutlich gröber als Menschen. Deshalb müssen Experimente an ihre Wahrnehmung angepasst werden. Genau das haben die Forschenden nun getan.
Für die Bienenforschung ist das ein wichtiger Schritt, denn die Ergebnisse stärken die Annahme, dass selbst Insekten mit sehr kleinen Gehirnen erstaunlich komplexe geistige Leistungen erbringen können. Für Imkerinnen und Imker liefert die Arbeit vor allem einen faszinierenden Blick auf die Fähigkeiten ihrer Schützlinge – und einen weiteren Hinweis darauf, wie hochentwickelt das Verhalten der Honigbiene ist.
Referenzen
Zanon M, Vallortigara G, Garcia JE, Dyer AG, Avarguès-Weber A, Giurfa M, Greentree AD, Howard SR. (2026). Stimuli that fit: a biology-aligned approach to numerical cognition research. Proc. R. Soc. B 293, 20253057. https://doi.org/10.1098/rspb.2025.3057
Howard SR, Avarguès-Weber A, Garcia JE, Greentree AD, Dyer AG (2019). Numerical cognition in honeybees enables addition and subtraction. Science Advances 5(2), eaav0961. DOI: 10.1126/sciadv.aav096
